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Bernd Hegele zur Lage der deutschen Sportakrobatik
Montag, 14. Juni 2010

Bernd Hegele

Eine turbulente Zeit liegt hinter der deutschen Sportakrobatik im Allgemeinen und dem Deutschen Sportakrobatik Bund (DSAB) im Speziellen, vielleicht ist sie auch noch gar nicht vorbei. Umstrittene Maßnahmen und folgenschwere Entscheidungen führten auch auf dieser Webseite zu hitzigen Diskussionen und teilweise heftiger Kritik an den Funktionären des DSAB. Die Perspektive des Verbandes kam dabei allerdings immer etwas zu kurz. Das musste sich dringend ändern. Sicherlich gab es ja gute Gründe für alle Maßnahmen und Entscheidungen. Deshalb traf ich am Samstag Bernd Hegele, Vize-Präsident des DSAB für Leistungssport und somit oberste Instanz in allen sportlichen Angelegenheiten. Ein Interview.

Schipfel: Über Bekleidung wird sonst in der Sportakrobatik eher weniger diskutiert. Vor vier Wochen aber dann plötzlich wie wild. Warum gab es von heute auf morgen Abzüge für zu viel hautfarbenen Stoff im Wettkampfanzug?

Hegele: "Der Code of Points regelt seit 2004, wie Anzüge aussehen müssen oder vielmehr wie sie nicht aussehen dürfen. Die neue Version von 2009 wird da noch deutlicher. Auf den Tagungen der Technischen Kommission oder bei der Aus- und Weiterbildung der Trainer wurde das auch immer wieder betont. Bisher waren regelwidrige Anzüge in Deutschland die Ausnahme. Aber am ersten Tag der Deutschen Meisterschaft der Jugend mussten sowohl die Jury als auch ich selbst mit Erschrecken feststellen, dass in 20 von 22 Startblöcken jeweils mindestens ein Anzug nicht den Regeln entsprach. Deshalb habe ich am Abend die Trainer und Betreuer informiert, dass regelwidrige Anzüge künftig bestraft werden. Eigentlich hätten wir das auch einfach so tun können, schließlich steht es im Regelwerk. Es hat gewirkt: Schon am nächsten Tag und auch zur Deutschen Mannschafts-Meisterschaft in Weißenburg war alles okay. Es gab keine Beanstandungen, also es mussten keine Strafpunkte vergeben werden, höchstens die ein oder andere Verwarnung in ein paar wenigen Grenzfällen. Vielleicht haben manche nicht den geplanten Anzug tragen können, das ist schon möglich. Aber wir müssen uns auch in Deutschland an die Vorschriften für Wettkampfanzüge halten, sonst gibt es irgendwann ein böses Erwachen bei Welt- und Europameisterschaften. International werden Verstöße knallhart geahndet, zumindest bei Veranstaltungen des Weltverbandes. Der Europäische Verband ist da bei seinen Meisterschaften wesentlich toleranter. Vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Glasgow mussten wir zwei Anzüge noch in letzter Sekunde ändern, weil sie bei der Kontrolle im Vorfeld des Wettkampfes, dem sogenannten 'leotard check', beanstandet worden sind. Diesen 'leotard check' gibt es ab diesem Jahr nicht mehr. Die Wettkampfanzüge müssen also von vornherein korrekt sein."

Sina Smialy und Vanessa BuchhammerJugend-WM: Sina Smialy und Vanessa Buchhammer nun doch nicht dabei!

Schipfel: Bereits einen Tag später sorgte die Nominierung von Sina Smialy und Vanessa Buchhammer aus Ebersbach in die Jugend-Nationalmannschaft für Diskussionsstoff…
Hegele: "Da muss ich kurz einhaken. Wie vielleicht schon manche mitbekommen haben, fährt dieses Damenpaar doch nicht nach Polen. Das ist leider meine Schuld. Man muss wissen, dass jedes Land zu den Weltaltersgruppenwettkämpfen [so die offizielle Bezeichnung für die Jugend- und Junioren-WM, Anm. d. Red.] maximal zwei Formationen pro Kategorie entsenden darf sowie maximal 30 Sportler insgesamt. Dieses Limit von 30 Sportlern haben wir bei unserer ersten Meldung, bei der ja noch keine Namen, sondern nur die Anzahl der Formationen in jeder Disziplin und Altersklasse gemeldet werden, voll ausgenutzt. Da war nur ein Damenpaar der Altersklasse 11-16 vorgesehen. Nach der Absage des Junioren-Herrenpaares Lukas Claus und Nikolaj Dewataikin aus Riesa war die deutsche Mannschaft plötzlich nur noch 28 Sportler stark. Einzig bei den Damenpaaren 11-16 gab es noch Interessenten und freie Plätze. Also habe ich beschlossen, dass wir statt des Herrenpaares 12-19 ein weiteres Damenpaar 11-16 schicken. Das waren Sina und Vanessa und ich habe bei den DM Jugend bekannt gegeben, dass sie zu den Weltaltersgruppenwettkämpfen fahren dürfen. Leider musste ich aber inzwischen mit Schrecken feststellen, dass die FIG eine solche Ummeldung nicht erlaubt, obwohl der Termin für die namentliche Meldung erst noch bevorstand. So ein Fehler passiert mir bestimmt nicht wieder. Es tut mir unendlich leid für die Sportler, die sich so sehr auf den Wettkampf in Polen gefreut haben, und ich werde mich auch persönlich bei ihnen entschuldigen, sobald ich sie das nächste Mal sehe."

Schipfel: Nun ja, Du wolltest nur das Beste. Aber was mich trotzdem interessiert: Die beiden belegten an der DM Jugend die Plätze 17 und 22. Was erwiderst Du denjenigen, die sagen, dass das keine ausreichende Leistung für eine Jugend-WM ist?
Hegele: "Das genaue Nominierungsverfahren wurde den Landesverbänden bei der Tagung der Technischen Kommission in Magdeburg detailliert erläutert. Ich habe die Landesverbände aufgefordert, alle Formationen bei mir zu melden, die den Altersvorgaben entsprechen und die fällige Eigenbeteiligung aufbringen können. So sind nun mal die Bedingungen. Es wird immer wieder Formationen geben, die besser sind als die Nominierten, aber nicht das nötige Alter haben oder sich die Teilnahme nicht leisten können. Sina und Vanessa hatten in Mainz sicher nicht ihren besten Wettkampf, ich habe sie schon stärker gesehen. Aber sie erfüllen die speziellen Anforderungen und sind auch in Mainz nicht gestürzt. Zusammen mit den bisherigen Eindrücken, die der Bundestrainer und ich von den beiden hatten, sind wir überzeugt, dass die beiden die nötige Leistung aufweisen. Deutschland hätte sich nicht schämen müssen, das ist unser Kriterium."

Lea Sauter, Ulrike Bergmann und Helen BergmannQualifikation der Junioren-Damengruppen: Hofherrnweiler lag auch schon nach drei Übungen vorn!

Schipfel: Die Diskussionen der letzten Wochen fanden ihren Höhepunkt nach dem Bundeskaderlehrgang vor zwei Wochen, an dem die Nominierung der Junioren-Damengruppen entschieden wurde. Wie beurteilst Du diesen Tag in der Rückschau?
Hegele: "Natürlich ist es besser, wenn so wie bei der Jugend die Nominierung im Rahmen einer Deutschen Meisterschaft, die kurz vor dem Meldeschluss stattfindet, entschieden werden kann. Das ist aber nun mal nicht immer möglich. Dann fällen wir die Entscheidung bei einem Bundeskaderlehrgang. Gemäß unserer internen Aufgabenverteilung bin ich in Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer für die Nominierung verantwortlich. An diesem Wochenende in Pfungstadt haben wir noch Bundeskampfrichter- obmann Norbert Müllmann hinzugezogen. Man kann wohl über keinen von uns sagen, dass er wenig Ahnung von Sportakrobatik hätte. Wir haben bereits im Vorfeld die Tariff Sheets analysiert. Dann zeigten die Formationen nacheinander ihre Übung und wir haben sie bewertet. Wir geben bei solchen Qualifikationswettbewerben keine Wertungen, sondern erstellen ein Ranking. Nach jedem Durchgang haben wir uns beratschlagt. Am Ende lag Riesa mit Jean Vetter, Ann-Sophie Behrendt und Wlada Maslyakova klar vorn. Lea Sauter, Ulrike und Helen Bergmann aus Hofherrnweiler waren in der Balance- und der Tempo-Übung vor den Mainzerinnen Lorena Mager, Mona Rheinberger und Amina El Zenary, in der kombinierten Übung nach zwei Patzern deutlich hinter Mainz. Eigentlich stand es also zwei zu eins für Hofherrnweiler, aber der letzte Eindruck durch die Kombi-Übung hatte nochmals Fragen aufgebracht. Uns erschien es am sinnvollsten, eine weitere Kombi-Übung über die Nominierung entscheiden zu lassen. Die hat Hofherrnweiler gewonnen. In der Vergangenheit haben Nominierungen zu Welt- und Europameisterschaften auch schon für Diskussionen und Ärger gesorgt. Aber sie wurden letztendlich immer akzeptiert. Der Aufruhr in diesem Fall ist einmalig. Auf der Tribüne saßen fast ausschließlich Mainzer Fans, die jetzt auch die öffentliche Meinung bestimmen. Manche Kollegen schlagen jetzt vor, solche Qualifikationen im Rahmen von Lehrgängen künftig nicht öffentlich zu machen, sondern die Halle zuzuschließen. Das halte ich nicht für sinnvoll. Ich glaube auch nicht, dass es besser wäre, wenn der Bundestrainer allein entscheidet, wie andere fordern. Das gibt genauso Streit, man muss nur beim Fußball schauen. Ich halte unseren Weg nach wie vor für ein faires Verfahren. Ich stehe zu unserer Vorgehensweise wie auch zu unserer Entscheidung und habe mir da nichts vorzuwerfen."

Vize-Präsident des DSAB für Leistungssport: Der Arbeitsaufwand wird immer größer!

Schipfel: Am kommenden Samstag wirst Du Dich bei der Delegiertenversammlung des DSAB in Pfungstadt zur Wiederwahl stellen. Seit 1995 bist Du Vizepräsident für Leistungssport, Du visierst die sechste Amtszeit an. Hast Du denn bei so viel Ärger noch Spaß an Deiner Arbeit für den DSAB?
Hegele: "Im Moment nicht wirklich, vor allem auch weil der Arbeitsaufwand immer größer wird. In den letzten drei Monaten gab es genau einen einzigen Tag, an dem ich nicht für den DSAB gearbeitet habe. Sonst täglich mindestens eineinhalb Stunden, an wettkampffreien Wochenenden gerne mal fünf oder sechs Stunden. Zuletzt stand ja die Vorbereitung der Weltmeisterschaft und der Weltaltersgruppenwettkämpfe an, das hat auch wieder enorm viel Zeit gekostet."

Schipfel: Wie sehr trifft Dich die Kritik, die Dir und dem gesamten DSAB in den letzten Wochen doch häufiger entgegenwehte?
Hegele: "Kritik ist ganz normal, damit kann ich umgehen. Sie ist ja nicht zuletzt auch der Beweis, dass man etwas geschafft hat: Wer nichts tut, bekommt auch keine Kritik, außer vielleicht der, dass er nichts tut. Allerdings würde ich mir wünschen, dass Kritiker öfter zuerst mit mir sprechen. In vielen Fällen könnte man im persönlichen Gespräch ganz unkompliziert Missverständnisse klären und Unklarheiten beseitigen."

Ziel: Abstand zur Weltspitze verkürzen!

Schipfel: Abschlussfrage: Wo siehst Du die deutsche Sportakrobatik und was kann man tun, um den Anschluss zur Weltspitze zu schaffen?
Hegele: "Wir sind auf einem guten Weg. In den Landesverbänden wird hervorragende Arbeit geleistet, das sieht man zum einen an den stetig steigenden Teilnehmerzahlen bei Deutschen Meisterschaften und auch an der Leistungsentwicklung. Bei den internationalen Meisterschaften haben wir seit 2006 jedes Jahr mindestens eine Medaille gewonnen und zahlreiche gute Platzierungen erreicht. Natürlich gehören wir nicht zur Weltspitze und werden das auch in absehbarer Zeit nicht schaffen. Aber angesichts dieser Resultate würde ich nicht sagen, dass wir den Anschluss verloren haben. Wir müssen uns bemühen, dass die positive Entwicklung in Deutschland anhält, dann können wir auch den Abstand zur Weltspitze verkürzen."
Schipfel: Vielen Dank für das Gespräch!

 
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